Predigttext:  Jesaja 58, 1-9a

Falsches und echtes Fasten – so lautet die Überschrift über dem heutigen Predigttext. Ihr Lieben, ich würde ja gerne wissen, was ihr als erstes gedacht oder auch nur gefühlt habt, als ihr das Stichwort „Fasten“ gelesen habt. Habt ihr vielleicht innerlich aufgestöhnt und gedacht: ‚Nein, nicht auch das noch! Jetzt sollen wir auch noch sieben Wochen lang auf Schokolade oder Fleisch oder Alkohol oder sonst was verzichten, wo wir doch schon ein ganzes Jahr lang auf so vieles andere verzichten mussten.‘ Wir müssen auf viele Freiheiten verzichten und tun das nicht selbstbestimmt, sondern weil es vorgegeben ist, aber viele von uns es auch einsehen, dass es so wohl zurzeit am Vernünftigsten ist. Wir machen Kulturfasten, Reisefasten. Wir fasten gemeinsames Singen, wir schränken uns in unseren Kontakten immens ein, wir verzichten auf Händedruck, Umarmungen, körperliche Nähe. Und es geht uns nicht gut damit.  Also bitte nicht noch mehr Verzicht aus irgendwelchen religiösen Gründen!

Nicht jetzt. Denn gegen den Coronaspeck kann man auch später vorgehen. Noch hat die bequeme Hose, die ich im Homeoffice trage, Spielraum. Und jetzt in dieser schwierigen Zeit brauche ich meine Schokolade und ich gönne sie mir.

Aber trotzdem will ich heute mit euch weiter über das Fasten nachdenken.   Denn wir hätten den Propheten im Jesajabuch wohl falsch verstanden, wenn wir meinen, wir müssten nur als eine fromme Übung  sieben Wochen lang in der Passionszeit in irgendetwas Verzicht üben und uns damit rumquälen. So haben es wohl die Leute in Israel gemacht, denen der Prophet in Jesaja 58 tüchtig den Marsch bläst. Der Prophet gibt ihnen unüberhörbar zu verstehen: Euer Fasten ist falsch.

Dabei – das muss man sich auch klar machen – sind die Leute in Israel nur ihren Ritualen gefolgt. Die Worte des Propheten müssen sie total irritiert haben. Denn sie haben, wie es in ihrer religiösen Tradition üblich war, gefastet und sich selbst kasteit. Sie nehmen die Qual des Fastens auf sich, weil sie hoffen: Gott würde sich ihnen dann nahen. Sie wünschen sich Gott in ihrer Nähe.

Das ist doch eine Sehnsucht, die wir auch haben: Darum beten wir, darum singen wir, darum lesen wir Gottes Wort und feiern Gottesdienste, weil wir Gottes Nähe spüren wollen und uns Kraft und Heilung von ihm wünschen. Warum also nicht auch mal fasten als eine religiöse Übung? Übrigens: Jesus hat auch gefastet 40 Tage lang sein Rückzug in der Wüste. Und John Wesley konnte vom Fasten als ein Gnadenmittel sprechen, das das Gebet unterstützen kann.

Also Fasten muss nichts Schlechtes sein – aber Gott lässt sich nicht herbeifasten. Und vor allem bleiben das Fasten wie auch alle anderen religiösen Übungen leer und sinnlos, wenn sie keinen Auswirkungen auf die Haltung in unserem Leben haben.  Das ist der Kritikpunkt, wenn Gott durch den Propheten sagen lässt:  3 Seht doch, was ihr an euren Fasttagen tut! Ihr geht euren Geschäften nach und beutet eure Arbeiter aus. 4 Ihr fastet zwar, aber ihr seid zugleich streitsüchtig und schlagt sofort mit der Faust drein. Darum kann euer Gebet nicht zu mir gelangen.

Es geht um dieses alte Thema: Was ist, wenn Glauben und Leben, unser Reden und Tun nicht zusammenpassen?  Wenn wir einerseits die Nähe Gottes suchen und Gemeinschaft mit ihm haben wollen, aber das Verhältnis und vor allem unser Verhalten zum Nächsten nicht stimmt. Im Streit, in Gewalt – da ist Gott nicht nah. In einem vom eigenen Vorteil bestimmten Leben, in einem Verhalten, das das Leben anderer schädigt – da wird sich Gott nicht finden lassen.

Die heutige Gesellschaft reagiert sehr sensibel darauf, wenn Unrecht in Kirchen geschieht und bekannt wird. Wenn Gelder unterschlagen oder verschwendet werden, wie damals in Limburg, ist die Aufregung in der Öffentlichkeit groß. Oder man denke an die ganzen Missbrauchsskandale und die Vertuschungsversuche. Oder auch im Kleinen, wenn unversöhnlich in einer Gemeinde gestritten wird.  Wenn Reden und Tun dermaßen auseinandergehen, wirkt das unglaubwürdig und man fragt: Soll da wirklich Gott sein?  Bleiben da nicht alle religiösen Rituale leer?

Das wäre ein Fasten, wie ich es liebe, sagt Gott im heutigen Text: Löst die Fesseln der Gefangenen, teilt euer Brot mit den Hungernden, die Armen und Obdachlosen nehmt auf, bekleidet sie. Entzieh dich nicht deinem Nächsten. Wenn du dann nach mir rufst, werde ich sagen: Hier bin ich. Ich bin für dich da. (Siehe Verse 6-9)

Aller Glaube, der nur auf sich selbst bezogen bleibt und nur der eigenen Auferbauung dient, wird damit sehr kritisch gesehen.  Fasten in diesem Sinne ist also nicht in erster Linie ein Verzichten auf etwas – sondern es meint ein bewusstes Handeln, das dem Wohl des Nächsten dient.

Das kann natürlich auch mit Verzichten einhergehen. Früher hat das Frauenwerk mit der Aktion „Freie Hände durch Verzicht!“  zum Spenden für ein Projekt der EmK-Weltmission aufgerufen. Die Frauen erzählten mir, dass frau in der Passionszeit bewusst z.B. auf Genussmittel verzichtet hat, und das Geld, das sie dadurch gespart hat, dann spendete.

Aber es geht auch nicht darum, dass Christsein sich allein darin erschließt, dass wir uns sozial engagieren, und Gottesdienste und geistliches Leben sein lassen. Das eine geht nicht ohne das andere.

Bei der Vorbereitung bin ich über das Lebensbeispiel von Elisabeth von Thüringen (13 Jh.) gestolpert. Sie ist ja bekannt dafür, dass sie sich als Adlige für Arme und Kranke eingesetzt hat. Sie hat nicht selten mit ihrem Verhalten am Hof provoziert. Von ihr wird erzählt, dass sie viel gefastet hat. Das war nicht nur eine geistliche Übung, sondern das hatte auch eine soziale Dimension. Elisabeth von Thüringen hatte sich nämlich selbst dazu verpflichtet, auf Speisen und Getränke zu verzichten, wenn sie deren Herkunft nicht kannte und zu vermuten war, dass die Nahrungsmittel nicht auf legalen Wegen an den Hof gekommen waren. Elisabeth und ihre Hofdamen wiesen Lebensmittel zurück, die unrechtmäßig durch Raub und Unterdrückung der armen Bevölkerung erworben worden waren. Auf längeren Reisen zog Elisabeth es sogar vor zu hungern, wenn nicht eindeutig erwiesen war, woher die ihr angebotene Nahrung stammte. Mit ihrem Verhalten beachtete Elisabeth extrem und doch konsequent das Gebot: Du sollst nicht stehlen! Sie verzichtete auf Nahrung, die von den armen Bauern erpresst und der hungernden Bevölkerung geraubt wurde. Damit hatte ihr Fasten eine geistliche und soziale Dimension. Sie diente Gott und dem Nächsten. (siehe von Hauff in: Pastoralblätter Februar 21, S.130)

Ich finde das Verhalten der Elisabeth von Thüringen sehr modern. Denn genau diese Frage wird heute wieder vermehrt gestellt: Woher kommt das Essen, das wir auf dem Teller haben? Unter welchen Bedingungen wurde das Kleidungsstück hergestellt, das ich mir kaufen möchte? Haben es Kinder hergestellt? Können die Näherinnen in Bangladesch von dem Lohn leben?
Am letzten Freitag kam es in der Bundesregierung endlich zu einer Einigung zum Lieferkettengesetz. Das ist ein großer Erfolg. Deutsche Unternehmen werden verpflichtet, bei ausländischen Lieferanten die Einhaltung sozialer und ökologischer Mindeststandards sicherzustellen. Als Folge des Lieferkettengesetztes kann es sein, dass es dann keine T-Shirts für 5 Euro mehr gibt, aber das ist auch gut so. Es gibt eine Initiative, die Lobbyarbeit für dieses Gesetz gemacht hat. Unsere Kirche gehört unter vielen anderen dieser Initiative an. Das Bewusstsein wächst immer mehr, dass wir mit unüberlegten Verbraucherverhalten Menschen in anderen Teilen der Welt und auch unsere Umwelt schädigen.

Und es gibt verschiedene Fastenaktionen in der Passionszeit, denen es genau darum geht. Sie wollen dieses Bewusstsein stärken.

Zum Beispiel die Fastenaktion der Süddeutschen Jährlichen Konferenz #emkplastikfrei – 7 Wochen bewusster leben

Es gibt dazu eine Broschüre, in der für jede der sieben Woche ein Lebensbereich unter die Lupe genommen wird.   Zum Beispiel: Schaut mal in euer Badezimmer und überlegt: Was von all den Pflege- und Reinigungsmitteln brauche ich wirklich? Wie viel ist genug? Müssen es wirklich Pflegeprodukte mit Mikroplastik sein?  Ich gebe zu, dass ich bis vor wenigen Jahren nicht wusste, dass wir beim Duschen und Haarwaschen Tag für Tag winzig kleine Plastikteile in den Ausguss spülen. Da gibt es Alternativen.
Biblische Impulse sind in der Begleitbroschüre verbunden mit ganz lebenspraktischen Fragen. Glauben und Leben, Reden und Tun werden miteinander verbunden. Und es wird nicht Druck gemacht, sondern es wird eingeladen, mal auszuprobieren und frei zu entscheiden, worauf man persönlich verzichten kann und so seinen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten kann.

Ich glaube, das ist ein Fasten, das Gott gefällt. Amen (Die Broschüre kann man bestellen bei Blessings4you)

 Katharina Lange